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Müssen Menschen mit Behinderung arbeiten?

Die Themen dieses Newsletters
  1. Plädoyer für ein übergreifendes Budget zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft
  2. Mehr Inklusion mit Außenarbeitsgruppen
  3. Von den Untiefen des Steuerrechts
  4. Zu guter Letzt: Paulmichl!
Liebe Leserinnen, liebe Leser,

müssen behinderte Menschen arbeiten? Diese Frage, auch wenn sie ketzerisch erscheinen mag, hat ihre Berechtigung, wie folgendes Beispiel zeigt: Ein Mensch mit Behinderung, nennen wir ihn Nils Braun, hat einen Anspruch auf einen Werkstattplatz. Er will aber zumindest einen Teil seiner Zeit als Künstler verbringen. Um das zu realisieren, muss er schon viel Glück haben. Es gibt nur wenige Werkstätten, die ein Kunstatelier bieten und wenn, dann meist als „Begleitendes Angebot“ von wenigen Stunden in der Woche. Ein zeitlich unbegrenztes Kunstangebot in einer Werkstatt ist selten. Schließt sich Nils Braun einer Initiative an, die es sich in den Kopf gesetzt hat, künstlerische Angebote außerhalb der Werkstatt zu realisieren und sie ganz auf die Bedürfnisse der Künstler zuzuschneiden, wird es ebenfalls schwierig - für die Initiative und für ihn. Die Initiative gilt nicht als anerkannte Werkstatt und sie hat nach heutigem Recht keinen gesetzlichen Anspruch auf Personal- und Sachmittel.

Merke: Der Gesetzgeber mag arbeitende Menschen. Wer sein Leben anders gestalten will, hat Probleme. Für Verpackungs- und Montagetätigkeiten zahlt der Leistungsträger unbesehen den Werkstattkostensatz. Künstler zu sein ist für Nils Braun schwierig. Warum tun wir uns so schwer, Tätigkeiten in Form eines Kunstateliers, als Mitglied einer Theatergruppe oder Musikband zu ermöglichen? Warum tun wir uns schwer mit Bildungsangeboten für erwachsene Menschen und mit allen Kombinationen von Arbeit mit anderen Formen der Lebensgestaltung? Es scheint so, als habe die protestantische Arbeitsethik mit ihrer Verpflichtung zur Arbeit als „gottgewolltem Lebenszweck“ ihren Siegeszug in den Behindertenbereich fortgesetzt und alle Alternativen beiseitegefegt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Möglichkeit zu arbeiten ist für Menschen, die in der Regel vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, ein hohes Gut. Hart erkämpft und ein Glücksfall für die meisten, die davon profitieren. Das Recht dazu ist noch verhältnismäßig jung. Die Werkstattgesetzgebung nahm 1974 das in Skandinavien entwickelte Normalisierungsprinzip auf: Menschen mit einer geistigen Behinderung sollten so normal wie möglich leben können. Ein zentrales Element des Erwachsenenlebens ist tatsächlich die Arbeit. Und es ist ja richtig: Werkstätten sind für die meisten Beschäftigten der Mittelpunkt ihres Erwachsenenlebens. Dennoch sei die Frage erlaubt: Muss es immer die heutigen Form der Werkstattarbeit sein, an fünf Tagen in der Woche von acht bis vier? Oder kann ein zufriedenes, ausgefülltes Leben auch auf andere Weise gelingen? Das Beispiel Nils Braun zeigt ja, dass die starke Fixierung auf „klassische Werkstattarbeit“ andere Entfaltungsmöglichkeiten sogar beschränken kann. Werkstattverweigerer stellen fest: Das hart erkämpfte Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben hat sich für sie zur Pflicht gewandelt. Für einen „Leistungsberechtigten“ ist es mittlerweile schwer, sich dem Druck zum Werkstattbesuch zu entziehen. Und Wünsche nach variablen Möglichkeiten der Arbeit, etwa in Teilzeitform, werden oft ignoriert.

Es geht mir nicht um ein „Pro oder contra Arbeit“, auch nicht um ein „Für oder gegen die Werkstatt“, sondern um eine Ausweitung der Möglichkeiten, die Werkstätten heute bieten. Wir sollten unser Angebot an der gesellschaftlichen Entwicklung orientieren und die ist in Teilen schon weiter als vor 40 Jahren. Teilzeitarbeit, Aus- und Weiterbildungsphasen, Sabbatjahre und der Wechsel in ganz neue berufliche Herausforderungen sind heute keine Seltenheit mehr. Warum sollen Menschen mit Behinderungen diese Möglichkeiten nicht erhalten? In Zeiten, in denen die Automatisierung weiter voranschreitet, die berufliche Ausbildung nur noch eine Halbwertzeit von 10 bis 15 Jahren hat und über das „bedingungslose Grundeinkommen“ nachgedacht wird, sollten wir auch behinderten Menschen eine breitere Palette von Lebensentwürfen ermöglichen.

Das lässt sich realisieren, indem wir den gesetzlichen Anspruch auf „Teilhabe am Arbeitsleben“ erweitern auf einen übergreifenden Anspruch auf „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“. Das muss nicht bedeuten, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Die Umsetzung lässt sich mit dem Budgetgedanken lösen. Das Geld, das für die Teilhabe am Arbeitsleben bereitsteht, kann zu einem übergreifenden Budget zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeweitet werden. Damit lassen sich die genannten Alternativen finanzieren oder Mischlösungen eigener Wahl ermöglichen. Wer weiterhin den klassischen Weg der Arbeit wählt, für den ändert sich nichts. Für die anderen ergeben sich neue Chancen zur Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Einbindung. Die Wahlmöglichkeiten für behinderte Menschen verbessern sich, ohne dass Mehrkosten entstehen. Auch Nils Braun könnte künstlerisch tätig sein, in Vollzeit- oder in Teilzeitform, als Arbeit oder einfach als sein persönlicher Weg der Lebensgestaltung. Viele Nichtbehinderte würden ihn darum beneiden.

Dieter Basener


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